Werden, haben, sein: Helfen Hilfsverben Ihrem Text?

In der deutschen Sprache sind Hilfsverben vielfach unentbehrlich: Sie helfen bei der korrekten Bildung von Zeitformen wie dem Perfekt oder dem Futur, bilden Passivkonstruktionen oder markieren den Konjunktiv. Während sie in der gesprochenen Rede kaum negativ auffallen, bauen sie im geschriebenen Text durchaus Hindernisse auf und erschweren die Lesbarkeit. Je nach Verwendungsabsicht reihen sich Hilfsverben in die unbeliebte Gruppe der Füllwörter ein, die Sätze aufblähen und Aussagen verwässern. Welche Alternativen Ihrem Text mehr Schwung verleihen, erfahren Sie in diesem Blogbeitrag.

Werden, haben, sein: Helfen Hilfsverben Ihrem Text?

Werden, haben, sein: Helfen Hilfsverben Ihrem Text?

12.09.2018

Die meisten Leser – darunter vielleicht auch Sie? – empfinden Texte im Nominalstil und gespickt mit Substantivierungen als schwer verdaulich. Für den guten Stil und ein flüssiges Lesen verzichten fachkundige Texter lieber auf die schweren Brocken. Stattdessen beschreiben wir Handlungen direkt mittels Verben: mitteilen statt Mitteilung machen, betrachten statt Betrachtungen anstellen, fordern statt Forderungen stellen. Häufen sich dabei jedoch ausdrucks- bzw. bedeutungsschwache Hilfsverben, ist ein Zuviel an Verben schnell auch zu viel des Guten.

Doch wie ist es möglich, dass bestimmte Verben einem Text mehr schaden als helfen? In welchen Fällen lassen wir Hilfsverben zu und wann ist es besser, sie zu streichen? Diesen Fragen möchten wir in diesem Artikel auf den Grund gehen. Diesen Fragen gehen wir in diesem Artikel nach.

Definition und Funktion von Hilfsverben

Hilfsverben (auch: Hilfszeitwörter) sind eine Unterklasse der Verben, die im Deutschen in Partizipial- und Infinitivkonstruktionen auftreten. In Kombination mit Vollwerben bilden haben, sein und werden in mehrteiligen Prädikaten grammatische Merkmale wie das Tempus (Zeitform: Perfekt, Plusquamperfekt, Futur) und das Genus Verbi (Passiv). Dabei liegt die Semantik des Prädikats einzig beim Vollverb; die Hilfsverben selbst verfügen über eine abgeschwächte lexikalische Bedeutung.

Stehen die genannten Hilfsverben jedoch allein im Satz, sind es Vollverben, Beispiel:

  • sein als Hilfsverb: Wir sind zu Hause geblieben.
  • sein als Vollverb: Wir sind zu Hause.

Zu den Hilfsverben im weiteren Sinne zählen die Modalverben. In Verbindung mit dem Infinitiv eines Vollverbs verdeutlichen sie die Absicht oder die Art und Weise, unter der eine Handlung oder ein Geschehen zu sehen ist:

  • dürfen: Du darfst morgen fahren. (Erlaubnis)
  • können: Ich kann das Ticket reservieren. (Fähigkeit)
  • lassen: Lass mich das machen! (Aufforderung) Ich lasse dich fahren. (Erlaubnis)
  • mögen: Ich möchte morgen fahren. (Wunsch, Absicht)
  • müssen: Wir müssen morgen fahren. (Notwendigkeit, Zwang)
  • sollen: Sollen wir den Platz reservieren? (Auftrag, Verpflichtung)
  • wollen: Sie wollen am Fenster sitzen? (Wille)

Stolpersteine im Text?

Der Text steht, die Grammatik stimmt, alle Zeitformen sind korrekt gebildet – doch der Stil überzeugt wenig. Einige Sätze sind zu lang, zu verschachtelt und schwer zu lesen. Häufig liegt der Grund hierfür im Gebrauch zu vieler Hilfs- und Modalverben. Ohne eigenständige Bedeutung transportieren diese kaum Inhalt und erzeugen im Kopf des Lesers kein Bild. Die eigentlich interessante, mit Sinn und Leben gefüllte Aussage versauert am Ende des Satzes. Wie Füllwörter blähen und verlängern Hilfsverben zudem den gesamten Text allein durch die erhöhte Anzahl an Wörtern ohne Informationsgehalt. Sie bauen Barrieren auf und steigern den Leseaufwand.

Ohne diese Stolpersteine gewinnt Ihr Text deutlich an Schwung und kommt schneller zum Punkt. Prüfen Sie also: Erfordert Ihre Aussage wirklich ein Hilfs- oder Modalverb oder bieten sich Alternativen an?

Die Lösung: Sätze von Wortballast befreien

In vielen Fällen können Sie Hilfsverben streichen oder ersetzen, ohne dass Ihr Text an Aussagekraft einbüsst. Entschlacken Sie ihn beispielweise, indem Sie das Tempus anpassen. Bleibt Ihre Erzählung genauso wahrhaftig und spannend, wenn Sie sie im Präteritum oder Präsens statt Perfekt wiedergeben?

  • Perfekt: Wir sind im Auto gefahren, als plötzlich …
  • Präteritum: Wir fuhren im Auto, als plötzlich …
  • Präsens: Wir fahren im Auto, als plötzlich …

Eine zweite und in mehrfacher Hinsicht wirkungsvolle Möglichkeit ist, anstelle von Passivsätzen bevorzugt Aktivsätze zu formulieren:

  • Passiv: Der Hund wird (von Tom) gestreichelt.
  • Aktiv: Tom streichelt den Hund.

Passivkonstruktionen unter Zuhilfenahme von Hilfsverben sind länger und umständlicher, verleiten oft auch zu verschachtelten Formulierungen. Ausserdem verschwindet hierbei der Akteur im Hintergrund. Wird er gar nicht erst genannt, muss der Leser ihn hinzudenken. Das bedeutet wiederum mehr Lese- oder Denkaufwand und schwächt die Aufmerksamkeit. Aktivsätze mit einem hohen Verbanteil hingegen wirken anschaulicher und lebendiger. Sie treffen konkretere Aussagen, vermitteln dem Leser Bilder und mehr Informationen und ziehen ihn tiefer in den Text hinein.

Kein Optimierungsvorschlag ohne Ausnahmen

Nicht in jedem Fall spricht der Gebrauch von Hilfsverben für einen schlechten Stil. Dies gilt insbesondere für die Modalverben können und dürfen. Denn die Höflichkeit gebietet manchmal, Aussagen zu relativieren und ihnen die Härte zu nehmen:

  • Rufen Sie mich jederzeit an. vs. Natürlich können Sie mich jederzeit anrufen.
  • Soll ich dir helfen? vs. Darf ich dir helfen?

Darüber hinaus nuancieren Modalverben feine Bedeutungsunterschiede und reduzieren die Verbindlichkeit einer Aussage:

  • Mit unseren Angeboten sparen Sie bis zu 30 %. vs. Mit unseren Angeboten können Sie bis zu 30 % sparen.

Fazit: Verben ja – Hilfsverben nur bedingt

Der Einsatz von Hilfsverben in Passivsätzen und bei zusammengesetzten Zeitformen ist kein Tabu. Auch Modalverben haben ihre Berechtigung, wenn es um Höflichkeit oder den Ausdruck einer Fähigkeit geht. Uneingeschränkt sinnvoll sind sie aber nicht. Ohne diese Stolpersteine fällt Ihr Text kürzer und prägnanter aus, ihr übermässiger Gebrauch ist daher nicht zu empfehlen. Überprüfen Sie Ihren Text und vergleichen Sie die einzelnen Sätze mit Ihrer Aussageabsicht: Wann immer es möglich ist, streichen Sie Hilfs- und Modalverben ersatzlos oder ersetzen Sie sie durch präzisere, bildhafte Vollverben mit eigenständiger Bedeutung. So vermitteln Sie ohne Umschweife, worum es Ihnen geht, treten souverän und überzeugend auf. Erfreuen Sie sich und Ihre Leser mit einer leicht verständlichen, lebendigen Sprache – gern auch durch die Unterstützung von jollywords!

Tipp: Zum Thema Hilfsverben liefert unser Newsletter interessante Zusatzinformationen:

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Autor: Maria Schuhmacher