Der Apostroph bei Schmelzwörtern? | jollywords
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Durch(’)s, vor(’)s, an(’)s: Apostroph bei Schmelzwörtern?

Die deutsche Sprache birgt so manche Tücke – und hat einen ganz besonderen Haken: Das Hochkomma bereitet vielen Kopfzerbrechen und ist als berühmt berüchtigter, oftmals belächelter Deppenapostroph immer häufiger im Stadtbild auszumachen. Wo Aushänge mit Infos, angepriesene Handys und T-Shirts anscheinend zügellos um sich greifen, verspürt man doch kaum noch Lust, auf ein paar Snack’s in’s Bahnhofs-Restaurant zu gehen. Nicht’s, für’s, an’s? Bei dem inflationären Ge- oder gar Missbrauch kann man leicht durcheinanderkommen: Muss der Apostroph bei Schmelzwörtern gesetzt werden? Wir sagen es Ihnen in diesem Artikel!


Durch(’)s, vor(’)s, an(’)s: Apostroph bei Schmelzwörtern?

Typischer Schreibfehler: Zeichensetzung mit Haken

Kaum ein Zeichen der deutschen Sprache stiftet so viel Verwirrung wie der Apostroph (auch: Hochkomma, Oberstrich). Grund genug, ihn noch einmal aus den Tiefen unseres Blogs hervorzukramen und seine Verwendung bei Schmelzwörtern zu hinterfragen.

Aus unserem ersten Artikel «Apostrophe richtig setzen» wissen wir, die eigentliche Bestimmung des Apostrophs (altgriechisch: apóstrophos – abgewandt) liegt darin, Auslassungen von Lauten oder Silben in einem Wort zu kennzeichnen: Ku’damm – Kurfürstendamm, M’gladbach – Mönchengladbach. Teilweise wird er auch zur Verdeutlichung des Genitivs bei Eigennamen gebraucht, wenn diese Eigennamen im Nominativ bereits auf -s enden und ohne Artikel oder Possessivpronomen auftreten: Grass’ Blechtrommel, Hans’ Geburtstag. Da es beim Plural-s nichts auszulassen oder zu ersetzen gibt, kommt der Apostroph hingegen nie infrage.

Doch wie steht es um die Schmelzwörter? An’s oder in’s sehen eindeutig falsch aus, oder? Und was ist mit durch’s oder für’s? Hier ist die korrekte Verwendung des Auslassungszeichens schon nicht mehr so klar.

Zunächst: Was sind Schmelzwörter?

Ein Schmelzwort ergibt sich aus der Kontraktion bzw. dem Zusammenziehen zweier Wörter. Oder anders: Zwei Wörter – meistens eine Präposition und ein Artikel – verschmelzen zu einem Wort. Solche (manchmal spontanen) sprachlichen Verkürzungen treten in der gesprochenen Umgangssprache häufiger auf als in der geschriebenen Standardsprache. Durch die Kommunikation über beispielsweise E-Mail, Messenger und soziale Medien, die mitunter das mündliche Gespräch ersetzt, lassen sie sich immer häufiger ebenso in der Schriftsprache entdecken. Daneben gibt es Schmelzwörter, die offiziell anerkannt und allgemein verbreitet sind, zum Beispiel:

  • ans = an + das (Artikel im Akkusativ)
  • im = in + dem (Artikel im Dativ)
  • zur = zu + der (Artikel im Dativ)

Wird bei Schmelzwörtern ein Apostroph gesetzt?

Verschmelzen zwei Wörter zu einem, wird etwas ausgelassen. Ein oder mehrere Buchstaben entfallen. Der Apostroph als Auslassungszeichen ersetzt fehlende Buchstaben. Folgerichtig scheint ein Apostroph bei Schmelzwörtern also mehr als angebracht. Oder?

Nicht ganz. Für die amtlichen Schmelzwörter aus Präposition und bestimmtem Artikel im Dativ (dem/der) und Akkusativ (das/den) trifft diese Annahme nämlich nicht zu. Die Verbindung der zusammengezogenen Wörter ist längst etabliert und so eng, dass hier kein Apostroph dazwischen passt:

  • Präposition + Dativ-Artikel: am, beim, hinterm, im, überm, unterm, vorm, zur
  • Präposition + Akkusativ-Artikel: ans, aufs, durchs, fürs, hinters, ins, übers, unters, vors, hintern, übern, untern, vorn

Anders verhält es sich bei weniger gebräuchlichen Wortverschmelzungen. Sind sie schwer lesbar oder missverständlich, gehören sie bezüglich der Schreibung mit Apostroph in die Kategorie «Kann». Wann genau das der Fall ist? Nun, hierbei ist keine konkrete Regel ableitbar. Hilfreiche Hinweise finden Sie beim Online-Duden. Demnach ist der Apostroph zwar entbehrlich, die Schreibung mit Apostroph allerdings ebenfalls zulässig bei folgenden Verkürzungen:

  • aufm, auf’m
  • aufn, auf’n
  • ausm, aus’m

Wortbildungen wie für’n, durch’n, mit’m oder gegen’s kennt der Duden dagegen gar nicht. In solchen Fällen gehen Sie mit dem Apostroph auf Nummer sicher. Die optische Abtrennung des angehängten Wortteils kann dem Leser das schnellere Erfassen und Verstehen erleichtern.

Fazit

Der Apostroph dient im Wesentlichen dazu, den Wegfall von Lauten oder Silben in Wörtern zu kennzeichnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie ihn zwingend bei jeder Auslassung setzen müssen. Im Gegenteil. Bei allgemein verbreiteten Schmelzwörtern können und sollten Sie auf das Hochkomma verzichten. In (unüblichen, stark umgangssprachlichen) Ausnahmefällen ist seine Verwendung freigestellt. Also, haken Sie die Apostrophenfrage ab und setzen Sie Zeichen – aber nur, wenn es unbedingt sein muss!

 

Autorin: Maria Schuhmacher


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